SICHTBAR GEMACHT

EINS+ALLES Erfahrungsfeld der Sinne

IM EINS+ALLES in Welzheim arbeiten Menschen mit Behinderungen. Wer das Gelände des Erfahrungsfeldes  „Eins+Alles“ im Welzheimer Wald betritt, der merkt sofort: Hier herrscht ein ganz besonderer Geist. Es ist ein  Gefühl, das man bekommt, wenn etwas einfach schlüssig, stimmig und harmonisch ist. Dass es hier so zugeht, ist  zum einen zwar den Verantwortlichen hinter den Kulissen zu verdanken. Zum anderen aber vor allem den rund 130  Männern und Frauen mit den unterschiedlichsten geistigen Behinderungen, die hier leben und arbeiten. Sie alle haben unter dem Dach des Trägervereins Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Laufenmühle e. V. hier  ihr Zuhause gefunden. 85 von ihnen leben ganzjährig in Wohnhäusern auf dem Gelände, die anderen wohnen im  Umkreis von wenigen Kilometern und werden täglich zur Arbeit hergebracht.

Zu tun gibt es mehr als genug, denn die hier arbeitenden Menschen sind für das Erfahrungsfeld zuständig, einen  riesigen Erlebnis-Garten, in dem die Besucher an verschiedenen Stationen riechen, hören, tasten, balancieren und  experimentieren können. Sie arbeiten in der Tieroase, Weberei oder Wäscherei, gehören dem Serviceteam des  Aktionshauses Rote Achse an oder sie sind in der Kaffeerösterei und im Café Molina tätig.

„Die Besucher des Erfahrungsfelds nehmen die hier arbeitenden Menschen ganz anders wahr. Leider bekommen   Menschen mit Behinderungen ja oftmals keine Chance zu arbeiten – hier werden diese Menschen sichtbar gemacht  und allen wird klar, was sie eigentlich können und leisten“, sagt die Vereinssprecherin Daniela Doberschütz. In der  täglichen Arbeit werde das Augenmerk weniger auf die Behinderungen als vielmehr auf die vielen einzigartigen  Begabungen eines jeden Einzelnen gelegt.

»Wir unterstützen da, wo es nötig ist, und fördern stets die Teilhabe, Selbstständigkeit und Selbstbestimmung jedes betreuten Menschen«, betont der Christopherus-Vorstand Dieter Einhäuser.

Foto: EINS+ALLES Erfahrungsfeld der Sinne

Und so werden die Menschen je nach den Entwicklungsmöglichkeiten oder dem Grad der Behinderung eingesetzt.   Wer sich am liebsten draußen aufhält und gerne mit Tieren zu tun hat, findet seinen Platz in der Tieroase. Dort gibt  es Lamas, Esel, Schafe, Hühner, Ziegen, Meerschweinchen und Bienen und die brauchen natürlich einiges an Pflege  und Zuwendung. Auch etwa bei Eselsführungen oder Lama-Touren durchs Gelände werden die Behinderten eingesetzt. Das Tolle daran sei, dass die Besucher, die bislang möglicherweise Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderungen gehabt hätten, sie plötzlich mit ganz anderen Augen sähen, betont Daniela Doberschütz.

»Da findet eine schöne Umkehr statt: Dann ist nämlich nicht mehr der Besucher der vermeintliche Experte, sondern  der Mensch mit der geistigen Behinderung, der sich viel besser mit den Tieren auskennt.«
Daniela Doberschütz

Auch im Aktionshaus Rote Achse laufen den Besuchern die Mitarbeiter über den Weg. Hier muss etwa die  Kirschkern-Badewanne in Schuss gehalten werden, auch die quer durchs Haus verlaufende Murmelbahn muss man  im Auge behalten. „Die Truppe ist inzwischen sogar so weit, dass sie mit der Hilfe eines nicht behinderten Kollegen eigenständig Führungen anbieten kann“, berichtet Daniela Doberschütz stolz.

Foto: EINS+ALLES Erfahrungsfeld der Sinne

Neben den für die Besucher „sichtbaren“ Mitarbeitern leben hier auch Menschen mit schwereren Behinderungen im  Förder- und Betreuungsbereich. Sie sind nicht am Arbeitsleben beteiligt, sondern werden angeleitet, wie sie ihren  Alltag strukturieren können. Es sind Menschen, die sich in der Regel nicht gut verständigen können und deren  Betreuung ein hohes Maß an Gespür und Sensibilität braucht.

»Eine tragende Säule dieser anspruchsvollen Arbeit bilden unsere ethischen Leitlinien, in denen wir an den drei  Begriffen Würde, Sinn und Rechte unser ganzheitliches Menschenbild entwickeln«, erklärt Dieter Einhäuser.

Foto: EINS+ALLES Erfahrungsfeld der Sinne

Dass all diesen Menschen hier ein geschützter Raum geboten wird, ist das Ziel des Trägervereins. „Unser Gedanke  bei der Gründung im Jahr 2007 war: Wir wollen und können nicht in die Stadt gehen, also holen wir die Menschen  zu uns“, sagt Daniela Doberschütz. Das Erfahrungsfeld sei gewissermaßen Mittel zum Zweck, um den Besuchern zu  zeigen, wie wunderbar Inklusion funktionieren könne.

Jedem, der hierher kommt und der bereit ist, sich darauf  einzulassen, verspricht Daniela Doberschütz eine ganz besondere Erkenntnis. „Wir alle hetzen meist durch den Tag   und haben tausend Themen und Termine im Kopf. Die Menschen mit Behinderung hingegen leben im jeweiligen  Augenblick und strahlen eine ungeheure Ruhe aus. Das erdet ungemein!“

 

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