MEINUNGEN IM MINUTENTAKT

Frank Eppler

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EIN TAG MIT RODGER RINKE – CREDIT ANALYST

Rodger Rinke analysiert für die LBBW seit mehreren Jahren die Entwicklung von 30 international tätigen  Stromkonzernen sowie Öl- und Gasversorgern. Anleihe-Investoren und Kundenbetreuer vertrauen tagtäglich seinem Urteil.

Trifft man Rodger Rinke am Vormittag in der LBBW-Cafeteria am Stuttgarter Hauptbahnhof, hat er den schwierigsten Teil seiner Arbeit hinter sich. Schafft er es zum Kaffeeautomaten, ist es ein ruhiger Tag. Denn nicht  immer kann sich der Credit Analyst diese Pause nehmen und freut sich umso mehr auf das kleine Morgenritual. „Diese zehn Minuten Ruhe nach der Hektik am Morgen sind nicht mit Gold aufzuwiegen.“ Denn der Tag beginnt für  den Analysten früh. Obwohl bei ihm bereits um 6:00 Uhr der Wecker klingelt, bleibt ihm nur Zeit für ein schnelles  Müsli im Stehen. Nebenher beginnt bereits die Arbeit; Nachrichten lesen und sie einordnen. „Ich sehe morgens nicht fern, eher schaue ich auf dem Tablet-PC, was Spiegel Online oder das Handelsblatt schreiben.“ Bevor er in seine S-Bahn steigt, hat der Betriebswirt am Blackberry schon seine Mails überflogen. „Interessant sind vor allem abonnierte Nachrichten.“ „Ich liebe meinen Beruf, er ist sehr abwechslungsreich. Gerade weil ich nicht wochen- oder tagelang im Voraus planen kann“, sagt Rinke. Vom heutigen Finanzmarktgeschehen sind die sogenannten Credit- und Equity-Analysten nicht mehr wegzudenken.

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8:45 Uhr

Oftmals schreibt Rinke sogar gleichzeitig an Kommentaren, Prognosen, Studien, Blickpunkten oder erstellt  „Weeklys“, „One Pager“, „Corporate Updates“ und Präsentationen und versorgt damit die Finanzmarktteilnehmer mit Ideen und Einschätzungen. Dabei ist sein ganzes Organisationsgeschick gefragt. Gleichzeitig muss er Zahlen wie  Strom- und Ölpreise sowie News zu politischen Krisen oder Zukäufen für sich verarbeiten, den Bildschirm mit  weiteren Meldungen im Auge behalten und die ersten Kommentare verfassen. „Von 8:00 bis 9:00 Uhr muss ich  einen vollständigen Überblick über die Nachrichtenentwicklung gewinnen.“ Besonders groß ist der Stress für die  Analysten in der Berichtssaison, wenn alle Unternehmen binnen weniger Wochen ihre Quartalsberichte vorlegen. In weniger als einer Stunde gilt es dann, die wichtigsten Stellen der oft hundert Seiten umfassenden Veröffentlichungen – wie zum Beispiel die Segment- und Lageberichte oder den Ausblick – gezielt anzusteuern, auf schlechte Nachrichten zu prüfen und einen ersten Eindruck zu notieren. Nach der Berichtssaison beginnt traditionell die Zeit, in der die Unternehmen neue Anleihen begeben, die Domäne der LBBW-Kapitalmarktexperten. Zu Emissionen der
wichtigsten Öl-, Gas- und Stromkonzerne muss Rinke dann Rendite, Bonität oder Modalitäten für eine Handlungsempfehlung prüfen.

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11:00 Uhr

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15:00 Uhr

Ruft ein Kunde bei ihm an, gehen alle Signale kurz auf Stopp. „Niemand schreibt Mails; die Kunden rufen an oder  melden sich im Chat von Bloomberg“, weiß Rinke. Vermögens- oder Privatkundenberater der BW-Bank sowie die  externen Kunden von Fonds oder Versicherungen stellen ganz unterschiedliche Fragen. Ein Gang durchs Haus führt  ihn zum Morning Meeting mit internen Kunden: in den Handelsraum. Der Einfachheit halber findet es mitten im Geschehen statt, wenn es schnell gehen muss, auch im Stehen. Geredet wird über alles, was Kurse und Preise bewegt. Seltener hingegen sucht Rinke den persönlichen Kontakt mit seinen Unternehmen oder besucht sie.  „Eigentlich nur bei Investorentagen oder bei offenen Fragen, bei denen ich nicht weiterkomme.“

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17:00 Uhr

Die zweite  Tageshälfte des Analysten verläuft deutlich entspannter. Zu den wenigen Unterbrechungen gehört das wöchentliche  Meeting mit den Kollegen von Credit Strategy and Products. Hier werden die generelle Researchstrategie und die  Gewichtung der beobachteten Branchen festgelegt. „Ansonsten geht es wie vormittags darum, Researchprodukte zu  schreiben. Jetzt aber kann ich etwas auch mal am Stück wegarbeiten“, sagt Rinke. Die eingehenden Nachrichten  kann er trotzdem nur kurz aus dem Auge lassen, denn die Märkte laufen weiter. Den Tag lässt Rinke daheim am  Herd ausklingen. Besonders die asiatische Küche dient dem Hobbykoch als Ausgleich zur Schreibtischtätigkeit.  „Aber eine sorgfältige Auswahl und der Blick fürs Detail sind dabei genauso wichtig“, sagt der gebürtige Stuttgarter.  „Und zum Schluss ein Kaffee, der gehört auch abends für mich zu einem guten Essen dazu.“

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