DIE HISTORIENJÄGERIN

Foto: artismedia GmbH

Gestatten, Astrid Fritz, 60, geboren in Pforzheim, heute in Murrhardt lebend. Sie bezeichnet sich als „freiberufliche Autorin, die historische Romane schreibt “, was untertrieben ist. Tatsächlich ist Astrid Fritz eine der erfolgreichsten  deutschen Schriftstellerinnen. Include hat mit der Historien-Jägerin über ihr bewegtes Leben gesprochen.

Frau Fritz, Ken Follett, berühmter Autor von historischen Romanen, feierte seinen siebzigsten Geburtstag. Wären  Sie gerne so erfolgreich wie er?
(lacht) Jein. Es wäre schon beruhigend, man hätte seine Auflagen. Andererseits: Wenn man so bekannt ist,  verändert das auch das Leben. Ich führe noch ein ganz normales Leben.

Ist Ken Follett Ihr schriftstellerisches  Vorbild?
Schon. Vor rund 25 Jahren, als ich in Chile lebte, war sein Buch „Die Säulen der Erde“ so etwas wie die  Initialzündung für mich. Ich fand es beeindruckend, wie jemand geschichtliche Hintergründe so spannend  aufarbeiten kann. Und man lernte dabei noch viel, über Kathedralenbau und so weiter.

Was unterscheidet Sie von Ken Follett oder Noah „Der Medicus“ Gordon?
Die Briten und US-Amerikaner schreiben unprätentiös, spannend, stilistisch sauber. Ich möchte mich diesem Stil  annähern: tiefgründig und gut lesbar. Und es muss sehr gut recherchiert sein. Leider habe ich nicht Folletts  Möglichkeiten, der ein ganzes Büro zur Recherche beschäftigt. Ich muss das alleine machen.

In Großbritannien und  den USA wird nicht so strikt getrennt zwischen Unterhaltungs- und ernster Literatur.
Diese typisch deutsche  Trennung ist von Nachteil. Als Unterhaltungsautorin geht man in unserer Medienlandschaft ein bisschen unter. Im  Feuilleton wird man nicht rezensiert. Kritiken werden auf einschlägigen Blogseiten geschrieben. Mein Publikum ist  eher älter – es würde sich freuen, wenn es in der „Brigitte“ oder der „Zeit“ eine Rezension lesen könnte. In  englischsprachigen Ländern wird man sogar in TV-Literatursendungen eingeladen.

Ihre Bücher sind eher lokal  verortet.
Der international handelnde „Ruf des Kondors“ bekam viel Lob. Aber der Roman blieb in der Auflage  zurück. Ich besetze eine Nische mit einem Stammpublikum. Den Lesern gefällt es, wenn ein Regionalbezug da ist.

Hindert Sie der Recherche-Aufwand, internationale Themen zu schreiben?
(lacht) Das kommt dazu. Wichtig ist mir, dass Schauplätze, Stadtund Landesgeschichte stimmig sind. Ich muss mich  reinversetzen können, muss dagewesen sein. Ich hatte schon Probleme bei „Unter dem Banner des Kreuzes“, das am  Ende in Genua spielt. Da habe ich gemerkt, ich kann kein ganzes Buch in einem anderen Land spielen lassen.

Schlagen Recherche und Schreiben über das dunkle Mittelalter nicht aufs Gemüt?
Je mehr ich mich eingearbeitet habe, desto mehr stellte ich fest: Das Mittelalter war gar nicht so finster. Die  Menschen waren nicht tumb oder doof. Es gab viele Erfindungen wie die Mühlentechnik, den Buchdruck, die Brille.  Und was die über das Mörtelanrühren wussten …! Und sie waren mobil. Kaufleute reisten bis Venedig und Spanien,  Handwerker gingen auf die Walz. Und sie waren barmherziger als die Menschen der frühen Neuzeit. Erst im 15. Jahrhundert fing es an mit Folter und Hexenverbrennung.

Foto: artismedia GmbH

 

Was war der Auslöser, historische Romane zu schreiben?
Beim Schreiben für den Freiburger Stadtführer „Unbekanntes Freiburg“ bin ich auf die Hexe von Freiburg und das  Thema Hexenverfolgung gestoßen und dachte mir, darüber müsste man einen Roman schreiben.

Was ist Ihre Motivation?
Das Mittelalter und die frühe Neuzeit interessieren die Menschen. In dieser Zeit liegen ja unsere europäischen  Wurzeln. Vieles sieht man heute relativer, wenn man die damalige Zeit kennt. Deshalb ist mir nicht nur eine  spannende Geschichte wichtig, sondern auch, etwas aus dieser Zeit herüberzubringen.

Es heißt: „Astrid Fritz macht Geschichte lebendig.“
Mir selbst, nicht nur dem Leser, macht es Spaß, in eine Stadtgeschichte einzutauchen, in das Thema Pest oder die  damalige Judenverfolgung. Das ist faszinierend und ein Stück weit Eigennutz.

Müssen Sie sich akribisch an die historischen Fakten halten?
Veränderungen mache ich höchst selten. Die Fakten sollten stimmen, weil der Leser sich darauf verlässt. Was gut ist:  Über das 13., 14., 15. Jahrhundert gibt es viele Lücken in der Geschichtsschreibung. Diese Leerstellen kann ich  mit meiner Fantasie füllen. Sozusagen „Ex negativo“. Wenn ich doch einmal Fakten verändere, dann weise ich im  Nachwort darauf hin.

Wie erklären Sie sich den anhaltenden Boom von historischen Romanen?
Ich glaube, den  Lesern gefällt dieses Zurückschauen, wo wir herkommen. Es ist die beruhigende Rückbesinnung auf etwas Übersichtlicheres, etwas Einfacheres. Heute sind wir global vernetzt, alles stürzt auf uns ein. Vielleicht trifft es das Wort Eskapismus gut.

Haben Sie noch Zeit und Lust, anderes zu lesen?
Tagsüber sind Recherche und Schreiben für mich bestimmend. Tageszeitung lese ich ausführlich morgens beim Frühstück. Vor dem Einschlafen versuche ich noch ein Buch zu lesen. Aber oft komme ich über vier, fünf Seiten nicht hinaus, weil ich zu müde bin.

Irgendwann kam die Lust auf historische Krimis …
Zu fortgeschrittener Stunde beim Verlagstreff kam der Vorschlag, man könne doch mal einen Krimi schreiben.  Heraus kam die Story um die Begine Serafina. Die Reihe läuft sehr schön, hat ein Stammpublikum, und ich schiebe  einen Krimi immer zwischen die großen Historienromane.

Ihre Helden sind meist starke Frauenfiguren. Warum?
(lacht): Weil die Mehrzahl meiner Leser Frauen sind. Als Frau fällt es mir zudem leichter, über Frauen zu schreiben.

Gibt es einen Mann, über den Sie unbedingt mal schreiben möchten?
Paracelsus – den finde ich hochinteressant. Er ist überall angeeckt und war mutig mit seinen Erkenntnissen. Er  muss ein ganz skurriler Mensch gewesen sein.

Arbeiten Sie schon an einem neuen Roman?
Ich schreibe über den Bau des Westturms des Freiburger Münsters, der sechzig Jahre dauerte und 1330 fertiggestellt wurde. Es geht über zweieinhalb Generationen. Aber ich werde Follett nicht kopieren. Es wird eine Art „Hotel Adlon“ oder „Downtown Abbey“ des Mittelalters.

Was haben Vergangenheit und Gegenwart gemein?
Die Gefühle der Menschen: Ängste, Liebe, Hoffnung. Oder wenn es damals etwas zu bestaunen gab, dann machte  man das ungeniert. Wie heute Gaffer bei einem Unfall.

Mit was würde man Ihnen das größte Geschenk machen?
(lacht): Mit einer Verfilmung. Mal schauen, es passieren ja immer wieder überraschende Sachen. „Der Hexenjäger“ wird gerade ins Russische übersetzt. Damit hätte ich nie gerechnet.

Kommentar schreiben